Dinge sind oft nicht wie Sie scheinen

Der zweite Blick eröffnet uns meist etwas besonderes und die Art und Weise darauf beeinflusst oft das Ergebnis

Dennis Aueron, Tobias Herrmann M.Sc. Vision Science

4/23/20263 min read

Die Flasche im Licht

Mein Freund Tobias Herrmann und ich hatten ein sehr schönes Gespräch. Wir diskutierten miteinander, tauschten verschiedene Eindrücke aus und konnten dabei interessante andere Blickwinkel einnehmen. Tobias war zunächst von einer anderen Meinung überzeugt, doch gerade durch den offenen Austausch entstand ein Gespräch, das in beide Richtungen etwas in Bewegung brachte. Es war einer dieser Momente, in denen man merkt, wie wertvoll es ist, sich nicht vorschnell auf eine einzige Sichtweise festzulegen.

Im Laufe dieses Gesprächs erinnerte sich Tobias an eine Geschichte, die ihn selbst einmal sehr inspiriert hatte. Er erzählte mir von einer Situation, die ihm ein Tourguide geschildert hatte. Dieser Guide leitete Touren in Arizona und berichtete davon, wie er selbst einmal alleine durch das Death Valley unterwegs gewesen war. Eine eindrückliche Geschichte, die Tobias bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Der Guide erzählte, dass er auf seiner Tour großen Durst hatte und sein Trinkwasser sich langsam dem Ende neigte. Während er weiterging, sah er in der Ferne etwas in der Sonne leuchten. Es war eine Plastik-PET-Flasche. Im ersten Moment regte er sich darüber auf, dass Menschen ihren Müll einfach in einer solchen Gegend wegwerfen. Aus dieser Verärgerung heraus machte er einen kleinen Umweg, ging zu der Flasche hinunter und wollte sie aufsammeln. Doch als er bei ihr ankam, stellte er fest, dass sie gar nicht leer war. Es war noch Wasser darin.

Gerade das machte diese Geschichte für Tobias so besonders. Für ihn war sie ein starkes Beispiel dafür, dass Dinge oft nicht so sind, wie sie zunächst scheinen. Was aus der Entfernung wie achtlos weggeworfener Müll wirkte, entpuppte sich in dem Moment, als man genauer hinsah, als etwas völlig anderes. Und vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erinnerung: offen zu bleiben. Nicht vorschnell zu urteilen. Noch einen Schritt näher heranzugehen. Sich die Möglichkeit zu geben, etwas anders zu sehen.

Als Tobias mir diese Geschichte erzählte, fand ich sie ebenfalls sehr treffend. Nicht nur, weil sie so bildhaft ist, sondern auch, weil sie gut zu dem passt, was in Gesprächen zwischen Menschen geschehen kann. Auch dort ist es oft so, dass etwas zunächst eindeutig erscheint, bis ein anderer Blickwinkel dazukommt. Plötzlich zeigt sich, dass hinter dem ersten Eindruck noch etwas anderes liegt. Dass eine vermeintlich klare Sache in Wirklichkeit offener ist, als man zuerst dachte.

Zu dem Thema, worüber Tobias und ich in unserem Gespräch ursprünglich diskutiert haben und worin wir zunächst unterschiedlicher Meinung waren, werde ich noch einen eigenen Artikel schreiben. An dieser Stelle soll das nur ein kleiner Hinweis darauf sein. Denn schon in dieser Geschichte steckt etwas von dem, was auch dort eine Rolle spielt: dass Offenheit oft der Anfang einer neuen Sichtweise ist.

Mir kam darüber hinaus noch ein weiterer Gedanke zu der Geschichte mit der Flasche. Oft sind die Dinge nicht nur anders, als sie zunächst scheinen, wenn wir offen auf sie zugehen. Oft ist es auch so, dass wir positiv überrascht werden, wenn wir mit einer guten inneren Haltung auf etwas zugehen. Genau das passt für mich sehr gut zu diesem Beispiel. Denn der Guide ging nicht deshalb zu der Flasche, weil er sich davon einen Vorteil versprach, sondern weil ihn eine gute Absicht dorthin führte. Er wollte die Gegend sauber halten. Er handelte aus einem guten Wert heraus. Und gerade darin liegt etwas Bemerkenswertes: Dass ihm ausgerechnet auf diesem Weg etwas begegnete, das ihm selbst half.

Das erinnert mich an einen Gedanken, den ich in einem anderen Artikel bereits erwähnt habe, in meinem Text über die Begegnung in Paraguay mit Fynn. Dort schrieb ich darüber, dass der Zufall für mich etwas ist, das einem zu-fällt, dabei aber dennoch etwas Bestimmtes sein kann. Etwas, das für uns bestimmt ist. Auch hier drängt sich dieser Gedanke wieder auf. Denn was dem Guide dort in der Wüste begegnete, trat ihm nicht einfach nur als irgendein Gegenstand entgegen. Es wurde zu etwas, das ihn in seiner Situation positiv überraschte.

Vielleicht liegt genau darin etwas Wesentliches: Dass uns manche Dinge dann in besonderer Weise begegnen, wenn ihnen von uns bereits etwas vorausgeht. Eine Haltung. Eine Absicht. Eine Offenheit. Und dass das, was uns dann zufällt, manchmal mehr ist als bloßer Zufall.

Die Geschichte von der Flasche im Licht bleibt deshalb nicht nur eine schöne Begebenheit aus dem Death Valley. Sie ist auch ein stiller Hinweis darauf, dass es sich lohnen kann, genauer hinzusehen. Offen zu bleiben. Und sich die Möglichkeit zu lassen, positiv überrascht zu werden.