Warum der richtige Mentor über deinen Fortschritt entscheidet
Der erste Trainingstag kann alles entscheiden: Bleibst du dran – oder gibst du direkt wieder auf? Oft liegt das nicht nur an Talent oder Disziplin, sondern auch an der Beziehung zwischen Trainer und Schüler.
Jan Philip Uitenbroek
5/11/20265 min read
Warum der richtige Mentor über deinen Fortschritt entscheidet
Der erste Trainingstag kann alles entscheiden: Bleibst du dran – oder gibst du direkt wieder auf? Oft liegt das nicht nur an Talent oder Disziplin, sondern auch an der Beziehung zwischen Trainer und Schüler. Meine eigene Erfahrung zeigt, wie stark diese Verbindung darüber bestimmt, ob Unsicherheit in Fortschritt umschlägt – oder Motivation in Frust.
Ich stehe vor dem großen Spiegel an der Wand des Gyms, in dem ich heute meinen allerersten Trainingstag habe. Zum Aufwärmen soll ich auf der Stelle laufen und Schattenboxen. Eine einfache Übung – würde man zumindest denken. Allerdings nicht für mich, denn ich schaffe es nicht, meine Schritte und Schläge gleichzeitig auszuführen. Ich rechne jede Sekunde damit, dass mein neuer Trainer, der links neben mir steht, einen dummen Kommentar macht oder mich komisch anschaut. Die Erfahrung habe ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon häufig gemacht, wenn mir etwas schwerfiel oder ich etwas nicht auf Anhieb geschafft habe. Ich verfluche mich in diesem Moment selbst dafür, dass ich diesen Schritt aus meiner Komfortzone gewagt und mich hier gemeldet habe. „Das hätte ich mir sparen können, wenn es schon so anfängt“, denke ich, während ich mir selbst im Spiegel bei meinen unbeholfenen Übungen zuschaue.
Aber der Kommentar meines Trainers bleibt aus. Er schaut mich nicht komisch an – nicht beim Schattenboxen und auch nicht wenig später bei meiner ersten Runde Pratzentraining, wo es mir beim rechten Haken nicht gelingt, gleichzeitig zum Schlag meinen rechten Fuß mit reinzudrehen. Im Gegenteil: Er bleibt geduldig und erklärt mir, was ich falsch mache und wie ich es besser machen kann. Meine Unsicherheit lauert zwar immer noch unter der Oberfläche, aber ich fühle mich schon deutlich wohler als zu Beginn meines Trainings.
Vertrauen wirkt stärker als Technik
Tatsächlich bleibt es nicht bei dieser einen Probeeinheit. Das Kickboxtraining wird mehr und mehr zu einem festen Ritual in meiner Woche. Meine Zweifel sind nicht mit der ersten Stunde verschwunden – genauso wenig wie meine Schwierigkeiten, in gewisse Übungen hineinzufinden. Trotzdem merke ich, dass beides kontinuierlich abnimmt. Das liegt vor allem an dem Verhältnis, das ich in dieser Zeit zu meinem Trainer aufbaue. Zwischen uns entwickelt sich eine Vertrauensbasis. Vor dem Training, aber auch während wir an der Pratze arbeiten, reden wir über persönliche Dinge und tauschen Erfahrungen aus. Oft sprechen wir auch über politische oder religiöse Themen.
Je mehr Zeit vergeht, desto besser wird meine Leistung. Das Schattenboxen, das mich in meiner ersten Trainingsstunde noch an meiner Entscheidung zweifeln ließ, ist irgendwann ein komplett normaler Automatismus. Auch die Übungen an der Pratze funktionieren von Woche zu Woche besser. Meinem Trainer entgeht diese Entwicklung nicht. „Du bewegst dich mittlerweile wie ein richtiger Kämpfer“, lobt er mich in einer der Stunden. Oder ein paar Wochen später: „Wir hätten dich eigentlich vom Anfang bis jetzt filmen müssen, um deinen Fortschritt zu dokumentieren.“
Nähe, Bindung und gegenseitiges Verständnis
Logisch: Übst oder trainierst du etwas über einen längeren Zeitraum, wirst du in den meisten Fällen automatisch besser darin. Wenn du allerdings keinerlei Erfahrung hast und noch dazu vielleicht sogar an dir selbst zweifelst, ist die erste Grundvoraussetzung für diesen Prozess das richtige Lernumfeld. Das Training ist für mich in dieser Zeit kein Pflichtprogramm, auf das ich eigentlich keinen Bock habe oder zu dem ich mich quälen muss. Ich freue mich auf die Einheiten, auf die Gespräche mit meinem Coach und vor allem auch darüber, dass ich von Woche zu Woche besser werde. Diese Entwicklung ist kein Einzelfall – sondern tatsächlich wissenschaftlich belegbar. Im 3+1 Cs-Modell der britischen Researcherin und ehemaligen Professorin Sophia Jowett beispielsweise finden sich ausnahmslos alle Aspekte wieder, denen ich selbst auf meiner eigenen Reise begegnet bin. Closeness: Nähe, die gegenseitiges Vertrauen und Respekt fördert. Commitment: Bindung, durch die eine langfristige Zusammenarbeit entsteht. Complementarity: Ergänzung, eine funktionierende Rollenverteilung. Und zu guter Letzt die Co-orientation: Ein gemeinsames Verständnis beziehungsweise eine gleiche Wahrnehmung der Beziehung.
Laut Jowett ist die Qualität der Trainer-Sportler-Beziehung der zentrale Faktor für Leistung, Wohlbefinden und Entwicklung. Ein erfolgreiches Coaching funktioniert in erster Linie nicht über Technik, sondern über dieses Verhältnis. In ihrer qualitativen Studie „The Coach-Athlethe-Relationship in Strength and Conditioning: High Performance Athletes‘ Perceptions“ (2019) verwendeten die Wissenschaftler Steven Foulds, Samantha Hoffmann, Kris Hinck sowie Fraser Carson das 3+1 Cs-Modell als Grundlage für 12 Interviews mit Top-Athleten aus verschiedenen Sportarten: Von Wrestling, über Triathlon und Hockey bis hin zum Rennradfahren, Rudern, Rugby und Tischtennis. Das Ergebnis der Studie: Die Sportler berichteten, dass die Faktoren ihre Leistungsfähigkeit direkt beeinflussen. Je besser die verschiedenen Dimensionen ausgeprägt sind, desto besser sind die sportlichen Ergebnisse.
Verhältnis ist nicht nur beim Sport entscheidend
Ist das 3+1 Cs-Modell nur sportbezogen? Oder sind die positiven Auswirkungen eines guten Verhältnisses zwischen Mentor und Schüler nicht viel mehr universell auf sämtliche Bereiche des Lebens anwendbar? Zurück zu meinen eigenen Erfahrungen – denn während ich beim Kickboxtraining Woche für Woche persönliche Erfolge verbuche, zeigen mir andere Ereignisse in dieser Zeit, wie es eben nicht funktioniert. Kurz nach meinem „Debüt“ im Ring melde ich mich in den Niederlanden, wo ich zu diesem Zeitpunkt wegen meines Studiums unter der Woche wohne, für den Motorradführerschein an. Genau wie beim Kickboxen starte ich komplett von Null.
Und wie man es vielleicht nicht anders erwarten kann – In der ersten Fahrstunde geht natürlich nicht auf Anhieb alles glatt. Mein Fahrlehrer lässt mich das spüren: Unfreundliche und hämische Kommentare und nur Kritik. Keine aufbauenden Worte, keine konstruktiven Tipps, keine persönliche Beziehung. So verlaufen die erste Stunde, die zweite Stunde, die dritte Stunde und die vierte Stunde. Ich will diesen Führerschein unbedingt haben – aber die Tatsache, dass ich keinerlei Fortschritte mache, nach meinem Empfinden nicht wirklich konstruktiv unterstützt werde und kein gutes Verhältnis zu meinem Fahrlehrer habe, entmutigt mich. Ich gehe mit immer weiter zunehmender Lustlosigkeit zur Fahrschule und bin froh, wenn die Stunde vorbei ist. Irgendwann breche ich das „Projekt Motorradführerschein“ entnervt ab – fürs erste zumindest.
Ein starker Mentor macht den Unterschied
Vielleicht ist das ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Motorradfahren und Kickboxen sind zwei verschiedene paar Schuhe, das eine für die meisten wahrscheinlich wesentlich komplexer als das andere – wobei ich hier gerne entgegenhalten möchte, dass auch Triathlon und Tischtennis, also zwei der Sportarten, die in der vorhergenannten Studie unter die Lupe genommen wurden, wohl nicht unterschiedlicher sein könnten. Und natürlich ist ein Trainer oder Lehrer nicht allein für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich.
Trotzdem unterstreichen meine eigenen Erfahrungen für mich persönlich die Wichtigkeit eines guten Lehrer-Schüler-Verhältnisses, denn in beiden Situationen hat diese Beziehung eine elementare Rolle gespielt. Manche Trainer, Mentoren oder Lehrer bauen dich auf, geben dir Tipps sowie konstruktives Feedback und interessieren sich für den Menschen hinter dem Sportler oder Schüler. Andere gehen auf diese Faktoren nicht ein und sehen ihr Gegenüber als eine Art Maschine, die zu funktionieren hat. Wer das nicht tut, fällt schnell durchs Raster. Ich will übrigens nicht prinzipiell ausschließen, dass diese „Survival of the fittest“ – Philosophie bei anderen Menschen anschlägt. Bei mir hat sie das nie – laut der wissenschaftlichen Literatur befinde ich mich damit in guter Gesellschaft.
